Der Untergang des Podcastabendlandes

Ich bin leidenschaftlicher Podcasthörer und ich gucke gerade mit Erstaunen auf die deutsche Podcastszene. Der Grund dafür sind die Reaktionen auf die Entwicklungen der letzten paar Wochen im Bereich Distributionsweg. Zwei Formate haben sich dazu entschlossen nicht (mehr) den traditionellen Verbreitungsweg des RSS-Feeds zu benutzen. Die Radiosendung Sanft und Sorgfältig von und mit Böhmermann und Schulz ist von Radio Berlin Brandenburg zu Spotify gewechselt und die bekannten Podcaster_innen Kathrin Rönicke und Holger Klein haben ein neues Format gestartet, das exklusiv auf Audible läuft. Sanft und Sorgfältig ist also hinter eine 10€/Monat Paywall gewandert und verärgert so die Hörer_innen, die vermeintlich bisher alles umsonst bekamen. Das stimmt natürlich nur so halb, denn Sanft und Sorgfältig wurde natürlich über die Rundfunkbeiträge finanziert. Die Wochendämmerung, Rönickes und Kleins neues Format, ist nur für Audible Kunden und Kundinnen zu hören. Die Mitgliedschaft und die Episoden sind jedoch kostenlos.

Anders als in Amerika, hat die deutsche Szene schon immer ein großes Problem mit den Finanzierungsmöglichkeiten gehabt. Werbung und Sponsoring sind hier so beliebt wie Fußpilz. Hier sind Podcasts in der Hauptsache entweder der Zweitkanal von öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten oder es sind Hobbyprojekte, trotzdem haben wir einen sehr hohen Anspruch an Qualität. Bezahlt soll das dann über Spenden und Micropaymentdienste wie Flattr. Diese Thematik führt in den einschlägigen Foren und auf Twitter immer wieder zu Diskussionen, so wie es jetzt auch gerade ein wenig hochkocht.

Nach der Verkündung der Kooperation von Sanft und Sorgfältig mit Spotify und dann auch nach dem Release der Wochendämmerung, schrie das Internet natürlich auf. Es ist quasi der Untergang des Podcast-Abendlandes. Angeblich liegt die Kraft des Podcasts nämlich in seiner Freiheit. Jeder und jede gönnt zwar den Produzent_innen der Podcasts das Geld, aber…

  • ohne RSS Feed sind sie nicht für alle zugänglich
  • sie kosten jetzt Geld
  • Audible und Spotify machen das ja nur wegen des Geldes und jetzt werden da immer mehr Produzent_innen hingehen
  • es wird jetzt eine Lawine losgetreten und die Freiheit ist jetzt verloren

Ich verstehe den Aufschrei nur so halb, denn wenn ich in andere Breiche gucke, dann ist das doch schon längst Gang und Gebe und wir leben alle sehr gut damit. Ja, wie feiern doch sogar Netflix und Co. für deren Eigenproduktionen. Im Moment sieht es doch so aus: Wir gucken uns House of Cards auf Netflix an, Transparent und Mozart in Jungle auf Amazon Prime, Last Week Tonight kann man nur in Ausschnitten auf dem offiziellen Youtube Kanal von HBO sehen. Dr. Who kauft man dann in iTunes oder hat ein illegales Abo des BBC iPlayers und den Tatort guckt man nochmal auf welcher Mediathek? Bei Podcasts ist es bisher praktischer, ich habe alles in einer App und ich muss mich um nichts kümmern. Dafür muss ich das mit der App verstanden haben. Der Zugang wird für Nicht-Podcasthörer_innen jetzt wesentlich einfacher. Denn Bestandskunden von Audible und Spotify kennen und verstehen die App ja schon.

Okay. man verliert jetzt ein wenig den Überblick über die Angebote, so wie ich persönlich den Überblick über meine TV Sendungen nur noch mit Trakt.TV habe. Ohne den Service Trakt, wüsste ich einfach nie welche Serie wann anläuft. Wer-streamt-es sagt mir dann, wo ich es mir angucken kann. Ich hätte natürlich auch gerne eine App, wo alle meine TV-Angebote rausfallen, das wird es aber nicht geben. Wenn ich meine Serien gucken will, dann muss ich bezahlen und ich muss dann deren App benutzen.

Für alle oben genannten Dienste bezahlt man in irgendeiner Weise. Werbung auf YouTube, Monats- oder Jahresbeiträge bei Streamingdiensten, Rundfunkbeiträge für die Mediatheken, aber für Podcasts nicht? Wieso eigentlich nicht?

Podcasts zu produzieren kostet Geld und Zeit und bisher sind die Produzent_innen dafür meiner Meinung nach zu schlecht bezahlt worden. Für professionelle Podcasts muss jemand bezahlen und das bisherige Modell ist einfach, dass wenig viel und viele nichts bezahlt haben. Das bedeutete aber auch, dass Menschen mit wenig Geld alle Podcasts hören könnten. Paywalls wie die von Spotify verhindern das dann jetzt und das ist schade, aber warum sind diese Eigenproduktionen denn bei Diensten wie Netflix okay und bei Podcasts nicht? Jemand mit wenig Geld, kann sich dann auch kein Netflixabo leisten.

Die Hobbypodcasts und die Podcasts der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten wird es weiter geben, weil kleine Podcasts nicht in die großen Netze reinkommen und weil die öffentlich-rechtlichen damit jetzt nicht auf einmal aufhören werden. Allerdings wird es in der Hobbyszene, jetzt wo es immer offensichtlicher wird, dass man eventuell auch Geld mit Podcasts verdienen kann, die Neiddebatte auch immer größer. Das ist ein bekanntes Phänomen. Auf YouTube müssen sich die großen Youtuber_innen auch regelmäßig Vorwürfe über die Höhe des Gehaltes gefallen lassen. Jetzt sind sie nur noch kommerziell und scheiße und so…

Am Ende des Tages wird es jetzt Podcasts geben, die wir bezahlen müssen und wir haben jetzt unsere Audio Inhalte über mehrere Apps verteilt. Dafür wird sich sicherlich eine Art Trakt für Audio entwickeln. Insgesamt wird die Podcastsszene davon nicht untergehen, ich glaube eher, dass die Profis einen weiteren Einnahmekanal dadurch bekommen und, dass sich deren Reichweite erhöht. Für Hobbyisten wird sich nichts ändern.

Niemand wird sterben, alles wird gut werden.